DER REISEFÜHRER FÜR KANADA
Andreas konnte Familienandachten nicht ausstehen. Jeden Morgen vor dem Frühstück las der Vater aus der Bibel oder einem Kalender einen Abschnitt vor. "Ich find das voll öde!", maulte er. "Andi", meinte seine Mutter, "die Bibel ist das wichtigste Buch. In ihr finden wir Anweisungen und Versprechen, die Gott selbst uns gibt." Seine Eltern bestanden darauf, dass er morgens dabei war und irgendwie war es auch gut, dass man als Familie zusammen den Tag anfing. Das mochte Andi schon ganz gern, wenn er da an seine Klassenkameraden dachte, die oft direkt aus dem Bett in den Bus stiegen ... Aber er fand die Bibel trotzdem langweilig. "Da geht's doch nur um Leute, die schon lange tot sind!", meinte er. "Was hat das mit mir heute zu tun?"

Am Abend kündigte der Vater an, dass er beruflich vier Wochen nach Kanada müsse und da das Ganze rund um die Ferien liege, dürfte er seine Familie mitnehmen. Na, das war eine Nachricht. Andi war ganz aufgeregt. Er redete von nichts anderem und fragte jeden, den er traf, über Kanada aus. Einige Tage später brachte er ein Buch und einige Landkarten von seinem Erdkundelehrer mit nach Hause. "Herr Thielmann war schon mal in Kanada", meinte Andreas. "Der hat Geschichten erzählt, total spannend.
Vieles ist ganz anders als hier und wenn man in der freien Natur ist auch nicht immer ungefährlich! Hier, er hat mir einen Reiseführer ausgeliehen. Da steht genau drin, was man wie machen soll und was man besser bleiben lässt und ´ne Menge Tipps, wie es eine gute Reise wird." - "Zeig doch mal, Andi!",
sagte der Vater. "Och, der ist aber schon ziemlich alt, und bestimmt ist er völlig langweilig und öde zu lesen!"- "Bestimmt nicht!", antwortete Andreas. "Herrn Thielmann hat er sehr geholfen, und uns
wird er bestimmt auch helfen, uns in diesem Land zurecht zu finden." Sein Vater nickte: "Ein Reiseführer ist ein gute Sache, aber da du dich bisher nie dafür interessiert hast, den Reiseführer für die wichtigste Reise deines Lebens zu lesen, erstaunt es mich ein bisschen, dass du dich jetzt für diesen hier so brennend interessierst."

Andis Mutter hatte die Worte ihres Mannes gehört und schmunzelte vor sich hin. Andreas guckte von einem zum anderen. "Habe ich etwas verpasst? Welche Reise meinst du denn und welchen Reiseführer habe ich nicht beachtet?" - "Die Reise, auf der du nun schon fast 12 Jahre bist", meinte
sein Vater. "Und den Reiseführer lesen wir jeden Morgen vor dem Frühstück! Aber der ist ja soooo langweilig ..."

Nachdenklich blieb Andi vor dem Kanadareiseführer sitzen. Vielleicht war es doch nicht so verkehrt oder öde morgens in der Bibel zu lesen.

"Eine Leuchte für meinen Fuß ist dein Wort,
und ein Licht für meinen Pfad.
"
Psalm 119, 105

 

 
     
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